Kategorie TV-Reportage: “Tatort Internet”

Titel: Tatort Internet
Projektleitung: Prof. Dr. Jo Reichertz
Universität: Universität Duisburg-Essen – Institut für Kommunikationswissenschaft
MitarbeiterInnen: Stefanie Lenze

Kategorie TV-Reportage: “Tatort Internet” Kategorie TV-Reportage: “Tatort Internet”

Abstract

Einführung: In der hier dargestellten Forschungsarbeit geht es um die Fragen, wie und ob die beiden Notationssysteme HANOS (hermeneutische Wissenssoziologie) und Feldpartitur (C. Moritz) in ein und derselben Transkription kombiniert werden können, ob sie sich ergänzen, ob es Synergieeffekte gibt, wenn man beide verwendet, und welche Möglichkeiten und Grenzen jedes Notationsverfahren mit sich bringt.

Diese Arbeit ist Teil eines DFG-Projekts, das sich mit der Frage beschäftigt, welche Normen im Fernsehen thematisiert werden und wie das Fernsehen selbst diese Normen bewertet. Zu diesem Zweck wurden vom deutschen Fernsehen ausgestrahlte Videoproduktionen, in denen Innere Sicherheit in irgendeiner Art thematisiert wird, digital aufgezeichnet und mit der Methode der hermeneutischen Wissenssoziologie (allgemein Hitzler & Reichertz & Schröer 1999) ausgedeutet. Ziel der hermeneutischen Deutung war die (Re-)Konstruktion der sozialen Bedeutung des Videos. Es ging also um die Klärung der Frage, was das Video von dem Zuschauer will, was es im Schilde führt, wie es versucht, Kommunikationsmacht (Reichertz 2010) aufzubauen und mit welchem Ziel es Kommunikationsmacht aufbaut.

Methode: Die hermeneutische Wissenssoziologie interpretiert ausschließlich Handlungen. Bei der Analyse von Bildern, Fotos, Filmen und Grafiken ergibt sich die Frage, welches Handeln Gegenstand der Untersuchung sein soll. Hier gilt es, zwischen der gezeigten Handlung und der Handlung des Zeigens zu unterscheiden. Mit Ersterem wird das Geschehen bezeichnet, das mit Hilfe des Bildes aufgezeichnet und somit im Bildfeld gezeigt wird, mit letzterem der Akt der Aufzeichnung und Gestaltung, also der Akt des Zeigens durch die Gestaltung des Bildes (plus die Gestaltung des von dem Bild Aufgezeichneten).

Methodisch verfolgt eine hermeneutische Wissenssoziologie idealtypisch folgenden Weg:

  1. Einzelne Bilder des Videos werden offen kodiert, um zu ermitteln, welche Kategorien und Elemente das Notationssystem erfassen soll.
  2. Es wird ein sekundengenaues Protokoll der verschiedenen Einstellungen (takes) erstellt.
  3. Durch Sichtung der takes werden zusammenhängende Handlungszüge (moves) der Kamera ermittelt. Diese Handlungszüge sind die zentralen Analyseeinheiten. Die ‚Feinheit’ dieser Analyseeinheiten richtet sich nach der Fragestellung des Projekts.
  4. Parallel dazu werden auf einer Partitur alle wesentlichen, also alle handlungsrelevanten Teile und Elemente der Kamerahandlung, in beschreibender oder kodierter Form abgetragen.
  5. Auf einer Partitur werden parallel dazu alle wesentlichen, also alle handlungsrelevanten Teile und Elemente der Handlung vor der Kamera, in beschreibender oder kodierter Form abgetragen.

Die so entwickelte Gesamtpartitur enthält also eine nach den bestimmten Relevanzkriterien sprachlich oder zeichenhaft kodierte und somit auch fixierte Version des beobachteten Videos. Sie ist ein formalisiertes Protokoll dieser Beobachtung. Die Relevanzkriterien variieren dabei mit der Forschungsfrage und sie können und sollten während der Forschungsarbeiten überprüft und gegebenenfalls weiter entwickelt werden. Neben dieser Partitur gehört auch das Video zu dem auszuwertenden Datenmaterial. Es ist immer der letzte Bezugspunkt der Deutung, der zu Rate gezogen wird, wenn eine Notation unklar ist. Grundlage der Deutung ist also nicht die erstellte Partitur, sondern es gibt immer zwei Daten: die Partitur und das Video.

Am Ende der Analyse ist man angekommen, wenn ein hoch aggregiertes Konzept, eine Sinnfigur gefunden bzw. mit Hilfe des Protokolls und des Videos konstruiert wurde, das alle Elemente zu einem sinnmachenden Ganzen integriert und im Rahmen einer bestimmten Interaktionsgemeinschaft verständlich macht. Die Validität der auf diese Weise gewonnenen Ergebnisse resultiert zum einen aus der Nachvollziehbarkeit der Dateninterpretation und zum anderen aus der methodisch kontrollierten Verbindung von Fragestellung, Fall, Datenerhebung und Datenauswertung.

Ergebnisse: Da die Forschungsarbeiten noch nicht abgeschlossen sind, liegen noch keine endgültigen Ergebnisse vor.

 

Literatur:

Hitzler, Ronald & Jo Reichertz & Norbert Schröer (Hrsg.) (1999): Hermeneutische Wissenssoziologie. Standpunkte zur Theorie der Interpretation. Konstanz: Universitätsverlag Konstanz.

Reichertz, Jo & Carina Jasmin Englert (2010): Einführung in die qualitative Videoanalyse. VS: Wiesbaden.

Reichertz, Jo & Carina Jasmin Englert (2010): Kontrolleure in der Trambahn. In: Michael Corsten & Melanie Krug & Christine Moritz (Hrsg.) Videographie praktizieren. Wiesbaden: VS Verlag. S. 25-51.

Reichertz, Jo (2010): Kommunikationsmacht. Was ist Kommunikation und was vermag sie? Und weshalb vermag sie das? Wiesbaden. VS Verlag.

Reichertz, Jo & Nadine Marth (2004): Der Unternehmensberater als Charismatiker. Hermeneutische Wissenssoziologie und die Interpretation von Homepages. In: Zeitschrift für qualitative Bildungs-, Beratungs- und Sozialforschung. S. 7-29.

Reichertz, Jo (2001): The Raving Camera oder: Die Dekonstruktion eines Events. In: Ronald Hitzler & Michaela Pfadenhauer (Hrsg.) Techno-Soziologie – Erkundungen einer Jugendkultur. Opladen. S. 253 – 265.

Reichertz, Jo (2000): Die Frohe Botschaft des Fernsehens. Kultursoziologische Untersuchung medialer Diesseitsreligion. Konstanz: Universitätsverlag Konstanz.

Reichertz, Jo (1997): Kinder brauchen auch die ‘Power Rangers’. Überlegungen zum seriellen Fernsehmärchen ‘Power Rangers’. In: Dieter Czaja (Hrsg.) Kinder brauchen Helden. München. S. 131 – 180.

Reichertz, Jo (1994): Selbstgefälliges zum Anziehen. Benetton äußert sich zu Zeichen der Zeit. In: Norbert Schröer (Hrsg.) Interpretative Sozialforschung. Opladen. S. 253 – 280.

Reichertz, Jo (1992): Der Morgen danach. Hermeneutische Auslegung einer Werbefotographie. In: Hartmann, Hans A., Haubl, Rolf (Hrsg.) Bilderflut und Sprachmagie. Opladen. S. 141 – 164.

 

 

 

 

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