Ohne Transkription keine fundierte Analyse

Dr. Jo Reichertz ist Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Duisburg-Essen und hielt und hält mehrere Lehraufträge und Gastprofes-suren an anderen Hochschulen wie z.B. in Wien und St. Gallen, Schweiz. Herr Reichertz hat sich in seiner frühen wissenschaftlichen Karriere mit der Objektiven Hermeneutik auseinander gesetzt und gehört aktuell zu den wichtigsten Vertretern der Wissenssoziologischen Hermeneutik. Vielbeachtet ist seine Arbeit zur Abduktion in der qualitativen Sozialforschung.

In seinen jüngeren Arbeiten befasst er sich unter anderem mit der Frage nach der Macht der Kommunikation, die Macht der Worte und der Medien, ihren Entstehungsbedingungen und Wirkungsparametern. In einer anderen aktuellen Arbeit untersuchte Reichertz zusammen mit Ronald Hitzler die „Erlebniswelt Spielhalle“, die erste soziologische Studie über Glücksspiele und Spielhallen in Deutschland.

Die Videotranskription mit der Feldpartitur wird in aktuellen Forschungsprojekten verwendet, unter anderem im DFG-Projekt „Medien als Akteure der Inneren Sicherheit“. Seine bisherige Arbeit mit der Feldpartitur, ihr Potential und ihre Rolle in einem konkreten Anwendungsfeld beschrieb Reichertz in seiner „Einführung in die qualitative Videoanalyse“.

 

Stefanie Lenze: Herr Dr. Reichertz, eine Frage zum Aufwärmen: Wo haben Sie eigentlich zuerst von der Feldpartitur gehört?

Jo Reichertz: Wann zum ersten Mal davon gehört? Ich denke, es war auf dem Berliner Methodentreffen – das war 2007. Da hatte Frau Moritz eine Posterpräsentation der Feldpartitur. Die fand ich sehr gut, weil wir in Essen vor ähnlichen Problemen standen, aber nicht so weit waren wie Frau Moritz. Deshalb habe ich die Entwicklung der Feldpartitur die letzten Jahre mitverfolgt und bin vom Ergebnis sehr beeindruckt.

Stefanie Lenze: Sie haben bereits im Rahmen ihrer Forschung die Feldpartitur verwendet. Was war das für ein Projekt? Und wie war die Feldpartitur darin eingebettet?

Jo Reichertz: Ja, ich habe im Rahmen eines DFG-Projekts zur Darstellung von Sicherheit im Fernsehen mehrfach mit der Feldpartitur gearbeitet – auch im Vergleich des von uns entwickelten Systems HANOS. Interessant war zu sehen, wie sich beide Systeme ergänzten. Die Feldpartitur einzusetzen hat uns bei der Analyse wesentlich weiter gebracht.

Stefanie Lenze: Welchen Platz, welche Bedeutung hat die Transkription von Videodaten ganz allgemein für Ihre Forschung?

Jo Reichertz: Das ist ganz einfach: Ohne Transkription keine fundierte Analyse. Für manche scheint die Transkription von Videodaten zu komplex zu sein oder es wird aus theoretischen Überlegungen befürchtet, nicht alles Wichtige transkribieren zu können. Allerdings trifft das für gute Transkriptionssysteme nicht zu. Gute Transkriptionssystem helfen einem sogar, das Wesentliche zu erfassen und für die Interpretation zu fixieren.

Stefanie Lenze: Was schätzen Sie besonders an der Feldpartitur? Sie haben ja ein eigenes Notationssystem entwickelt…

Jo Reichertz: Wichtig für die Analyse von Filmen ist, dass man immer den Film präsent hat und nicht nur die Verschriftlichung. Das schafft kein System so gut wie die Feldpartitur.

Stefanie Lenze: Und eine letzte Frage: Welchen Eindruck hat die Feldpartitur bei Ihnen hinterlassen – hat Sie ihre Forschungsarbeit erleichtert?

Jo Reichertz: Die Feldpartitur erleichtert und beschleunigt die Transkriptions- und die Analysearbeit.. Gut ist die Fülle von Symbolen, die man bei der Verschriftlichung verwenden kann, und gut ist, dass man bei Bedarf immer auch neue, für sich und die eigenen Fragestellung passende Symbole schaffen und hinzufügen kann. Man sollte allerdings die Preisgestaltung einfacher und übersichtlicher machen.

Stefanie Lenze: Herr Reichertz, wir danken Ihnen für das Interview!


Das Interview wurde am 16.10.2011 von Stefanie Lenze geführt.

 

Weitere Informationen: www.feldpartitur.de/anwendungsbeispiele/

 

Literatur:

Bidlo, Oliver / Englert, Carina Jasmin; Reichertz, Jo (2011): Securitainment. Die Medien als Akteure der Inneren Sicherheit. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften.

Reichertz, Jo (2010): Kommunikationsmacht. Was ist Kommunikation und was vermag sie? Und weshalb vermag sie das? Wiesbaden. VS Verlag

Reichertz, Jo / Englert, Carina Jasmin ( 2011): Einführung in die qualitative Videoanalyse. Eine hermeneutisch-wissenssoziologische Fallanalyse. Qualitative Sozialforschung. Wiesbaden: VS Verlag.

Reichertz, Jo (2003): Die Abduktion in der qualitativen Sozialforschung.
Opladen: Leske & Budrich

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