Kategorie: Mediale Eigenproduktionen von Kindern

Titel: „Wie ich es gesehen habe im Film, war es ein bisschen anders.“ Audiovisuelle Eigenproduktion als Formprozess der Selbstreflexion
Projektleitung: Regine Hilt
Universität: Technische Universität Berlin, Institut für Erziehungswissenschaft und Arbeitslehre, Prof.  Dr. W. Hendricks

Kategorie: Mediale Eigenproduktionen von Kindern Kategorie: Mediale Eigenproduktionen von Kindern

Abstract

Einführung: Das qualitative Forschungsvorhaben nimmt audiovisuelle Eigenproduktionen von Kindern unter künstlerisch-ästhetischem Blickwinkel als Ausdrucksgestalt in den Blick, um die Erkenntnisse zukünftig in der medienpädagogische Bildungsforschung anwenden zu können.

Es wird untersucht, wie und welche Erfahrungsräume durch ästhetische Entscheidungen erschlossen werden und wie sich durch die Einbindung von Information in Erfahrungskontexte Wissen entfaltet (Willke et al. 2001, S. 8, Stehr 1994, S. 208). Die Eigenproduktionen werden dabei aufgrund des Projektrahmens einerseits als Ausdruck eines partizipativen Auseinandersetzungsprozess (Marotzki und Jörissen 2008, S. 52ff) gesehen und andererseits unter dem für bildnerische Artikulationen wichtigen Aspekt von Materialität bzw. Medialität betrachtet (vgl. Mersch 2011). Zugleich verbindet sich mit der Untersuchung das heuristische Erkenntnisinteresse, ein Kategoriensystem als Analyseinstrument aus den vorhandenen Daten zu entwickeln.

Untersuchungsgegenstand sind Videos, die 2006 in der non-linearen Videoperformance Wasserlauf von Kindern einer Berliner Grundschule im Rahmen des Kunstfests 48h Neukölln im Berliner Bezirk Neukölln produzierten wurden. Bei dem Videomaterial handelt es sich nicht um zu einem Erzählstrang montierte Sequenzen, sondern um eine non-lineare Struktur[1]. Das Videoprojekt besteht aus einem Pool von sehr kurzen, ungebundene Clips von 15 bis 60 Sekunden. Aus diesem Grund liegt das Material bereits in sehr kleinteilige Untersuchungseinheiten vor: Die Miniclips  bestehen aus einer Einstellung[2].  Anhand der Miniclips und weiterer Kontextdaten werden ästhetisch-reflexive Leistungen als Potentiale bildungsrelevanter, medialer Erfahrungen rekonstruiert.

Methode: Es wurde fallbezogen das Datenmaterial von drei Kindern untersucht. Von insgesamt 46 Miniclips werden 33 detailliert untersucht. Dabei wird das Material nach Reflexionen, Haltungen und Momenten von symbolischem Selbstausdruck befragt, die sich aus dem Videomaterial rekonstruieren lassen. Da es sich bei dem Datenmaterial um ein Medienkunstprojekt und um einen symbolischen Kommunikationsprozess der Kinder handelt, dient Goodmans Betrachtung von „Symbolsystemen“ (Goodman 1997, S. 9) der Kunst als welterkennendes und welterzeugendes Symbolsystem für die zeichentheoretische Grundlage und eine strukturelle Einordnung. Um der Besonderheit des vielschichtigen Mediums Video gerecht zu werden, werden zur weiteren Spezifikation die filmtheoretischen Ansätze von Yacavone[3] (2010) und Wuss (1993) angewendet.
Dabei wurden die Daten mit den Analyseinstrumenten Feldpartitur (Moritz 2011) und räumliches Filmdiagramm (vgl.Hilt 2010, S. 220ff) in verschiedenen schematische Darstellungen notiert, trianguliert und anschließend auf Basis der Grounded Theory Methodology (GTM) in der Variante von Strauss (Strauss und Hildenbrand op. 1994, Strauss 2004, Strauss und Corbin 1996) analysiert.

Während das räumliche Filmdiagramm den spatialen Eindruck eines gewählten Videoausschnitts statisch als Gesamtüberblick wiedergibt, dient die Feldpartitur in diesem Forschungsvorhaben als Analyseinstrument für den zeitlichen Ablauf und bindet diesen durch eingefrorene Videobilder im Sekundenabstand. Im Forschungsverlauf wurden diese Ablaufpartituren zunächst mikroprozessual betrachtet, umso möglichst zahlreiche Kodes zu generieren und mithilfe der Symbole zu notieren. In der Dimensionalisierung und bei der gezielteren Auswertung des axialen und selektiven Kodierens wurden verschiedene Analysekategorien immer wieder zu neuen Kodekateorien gebündelt, in der Feldpartitur durch „Codescripts“[4] umgesetzt (Moritz 2011, S. 59ff) und in ihren charakteristischen bzw. relevanten  Ausprägungen durch Symbole festgelegt. In den unten stehenden Galeriebildern geben die Partitur- und Excel-Auszüge aus dem Miniclip „Romantisch“ einen Arbeitseinblick. Sie zeigen eine signifikante Stelle, an welcher ein typisches Kamerabewegungsmuster deutlich wird.
Für diese  Arbeitsschritte wurden teilweise der Editiermodus ” TXT”als Notizfeld genutzt, teilweise wurde auf die Übertragungsmöglichkeit der Feldpartitur in eine Exceltabelle zurück gegriffen, um das Theoretical Sampling vorzubereiten. Vor allem beim axialen Kodieren war es wichtig und hilfreich, nicht nur weiteres Kontextmaterial in die Partitur visuell einbinden zu können, sondern stets auch die Möglichkeit des laufenden Clips als Bezugsgröße vor Augen zu haben.
Bei der Ausarbeitung und Validierung der Ergebnisse wurden die Partituren schließlich in einem finalen visuellen Modus ausgearbeitet, während die Formulierung der Ergebnisse in Textform stattfand.

Ergebnisse: Die Ergebnisse werden mit Abschluss der Forschungsarbeit  voraussichtlich im Frühjahr 2012 veröffentlicht.

 


[1] Während in linearablaufenden Video/Filmen ein aus mehreren Einstellungen und Sequenzen zusammengefügtes Werk in einem Stück vorliegt, welches nach dem Start linear bis zum vorgesehenem Ende durchläuft, werden für ein non-lineares Werk kleinere Videoteile in einen Rahmen (technisch und/oder künstlerisch) verbracht, die in bestimmten Punkten weiterführende Entscheidungen (Clipauswahl) vom Zuschauer verlangt und damit einen unterbrochenen Ablauf bewirkt.

[2] Die Einstellung, englisch „Shot“, bildet die kleinste filmische Einheit. Es handelt sich um eine Abfolge von Einzelbildern, die ohne Pausieren mit einer Videokamera gefilmt wurden.

[3] Auch Yacavone bezieht sich wiederum auf  Goodmans Symbolsystem der Kunst, vor allem jedoch auf dessen Überlegungen, welche Rolle Symbole bei der Erzeugung von Welten spielen (siehe Goodman 1990)

[4] In der Feldpartitur dienen „Codescripts“ zur Abbildung von zu kodierten Ereignissen im Video (Moritz 2011, S. 59ff).


Abbildungen: Auszüge aus der Partitur eines Miniclips Projekt Hilt

Legende

Literaturverzeichnis

Goodman, Nelson (1990): Weisen der Welterzeugung. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Goodman, Nelson (1997): Sprachen der Kunst. Entwurf einer Symboltheorie. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Hilt, Regine (2010): „Mir gefällt am meisten der Wasserfall“. Eine forschungspraktische Annäherung an die diagrammatische Videographie am Einzelfall. In: Michael Corsten (Hg.): Videographie praktizieren. Herangehensweisen, Möglichkeiten und Grenzen. 1. Aufl. Wiesbaden: VS, Verl. für Sozialwiss, S. 211–239.

Marotzki, Winfried; Jörissen, Benjamin (2008): Wissen, Artikulation und Biographie: theoretische Aspekte einer strukturalen Medienbildung. In: Johannes Fromme und Werner Sesink (Hg.): Pädagogische Medientheorie. 1. Aufl. Wiesbaden: VS, Verlag für Sozialwissenschaften, S. 51–70.

Mersch, Dieter (2011Uhr): Mediale Paradoxa. Zu Verfahrensweisen künstlerischer Produktion. Online verfügbar unter http://www.dieter-mersch.de/download/mersch.mediale.paradoxa.pdf, zuletzt aktualisiert am 08.02.2011Uhr.

Moritz, Christine (2011): Die Feldpartitur. Transkription von Videodaten in der Qualitativen Sozialforschung. 1., neue Ausg. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Stehr, Nico (1994): Arbeit, Eigentum und Wissen. Zur Theorie von Wissensgesellschaften. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Strauss, Anselm (2004): Methodologische Grundlagen der Grounded Theory. In: Methodologie interpretativer Sozialforschung. Klassische Grundlagentexte. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft, S. 429–451.

Strauss, Anselm L.; Corbin, Juliet M. (1996): Grounded theory. Grundlagen qualitativer Sozialforschung. Weinheim: Beltz, PsychologieVerlagsUnion.

Strauss, Anselm L.; Hildenbrand, Astrid (op. 1994): Grundlagen qualitativer Sozialforschung. Datenanalyse und Theoriebildung in der empirischen soziologischen Forschung. München: W. Fink.

Willke, Helmut; Krück, Carsten; Mingers, Susanne (2001): Systemisches Wissensmanagement. Mit 9 Tabellen. 2., neubearb. Stuttgart: Lucius & Lucius.

Wuss, Peter (1993): Filmanalyse und Psychologie. Strukturen des Films im Wahrnehmungsprozess. Berlin: Sigma.

Yacavone, Daniel (2010): Film Worlds ”. Zur Neukonzeption von filmischer Repräsentation, Temporalität und Reflexivität. In: Rabbit Eye: Zeitschrift für Filmforschung vol 1, S. http://www.rabbiteye.de/2010/1/yacavone_film_worlds.pdf, zuletzt geprüft am 04.09.2011.

 

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