Kategorie Unterrichtsfilm: Didaktische Filme im Nationalsozialismus



Titel: Unterrichtsfilme im Nationalsozialismus. Methodische Annäherungen an ein komplexes Forschungsfeld.
Projekt: Lehrreiche Geschichten für den Unterricht? Eine interdisziplinäre Studie zum Unterrichtsfilm im Nationalsozialismus.
Projektleitung: Verena Niethammer M.A.
Universität: Pädagogische Hochschule Ludwigsburg, Institut für Sprachen
Das Projekt wird gefördert durch ein Promotionsstipendium der Hans-Böckler-Stiftung



Kategorie Unterrichtsfilm: Didaktische Filme im Nationalsozialismus Kategorie Unterrichtsfilm: Didaktische Filme im Nationalsozialismus

Abstract

Einführung: Im Zentrum der Forschungsarbeit stehen Unterrichtsfilme, welche die Reichsanstalt für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht (RWU)[1] während der 30er und 40er Jahre produzierte. Die Lehrmedien sind zum Einsatz in einem oder mehreren Schulfächern ausgelegt. Die Unterrichtsfilme lassen sich folgenden Fachbereichen (siehe Kühn 1998, S.164 u. S.267) zuordnen: Biologie- und Naturwissenschaft, Deutsch und Heimatkunde, Erdkunde (und Kolonien), Geschichte u. Nationalpolitische Erziehung, Kunst und Werken, Landwirtschaft und Berufskunde, Mädchen-Erziehung, Sport.

Die RWU-Unterrichtsfilme wurden schwarzweiß und stumm produziert, obwohl im Deutschen Reich ab 1932 keine Stummfilme mehr für das Kino hergestellt wurden (siehe Kleinhans 2003, S. 23). Heute wird davon ausgegangen, dass nicht nur wirtschaftliche Erwägungen bei dieser Vorgehensweise eine Rolle spielten, sondern vor allem der Vorrang des Lehrer-kommentars nicht gefährdet werden sollte (siehe von Keitz 2004, S.84). Zu den Filmen gehörten didaktische Begleithefte, die Informationen zum Lehrstoff lieferten aber auch eine bestimmte Perspektive der Deutung vorgaben. Einige der Hefte sind inhaltlich und hinsichtlich des Sprachgebrauchs mit NS-Weltanschauungen aufgeladen.

Die Erforschung dieses Filmmaterials stellt forschungsmethodische Herausforderung dar, denn der Unterrichtsfilm nimmt in der historischen Film- und Bildungsforschung nur eine marginale Rolle ein. Zimmermann, Hoffmann (2005) ordnen ihn, in ihrer weit gefassten Definition, der Gattung des Dokumentarfilms, Meyers (2001) hingegen, der des Lehrfilms zu. Der Unterrichtsfilm steht aber auch in seinen Anfängen nicht isoliert, so besteht eine Verwandtschaft zu zeitgleich hergestellten ’volksbildenden’ Kulturfilmen, von denen einige  umgearbeitet wieder verwendet wurden (von Keitz 2005, S.470).

Eine materialbasierte, begriffliche Fassung und Beschreibung des frühen Unterrichtsfilms, der sich während des Nationalsozialismus herausbildete und – staatlich gefördert – eine weite Verbreitung erlebte, steht jedoch noch aus. Bisherige Arbeiten (wie Kühn 1998, Ewert 1998, Endler 2006) setzen sich primär mit der Arbeit der RWU anhand von Schriftgut auseinander. Die Filmmaterialien selbst nehmen nur eine untergeordnete Rolle ein, so werden nur die „Inhalte“ der Filme kurz zusammengefasst, Filmprotokolle, als Basis für weitere Filmanalysen, hingegen nicht erstellt. Die Unterrichtsfilme der 30er / 40er Jahre stellen darüber hinaus einen heterogenen Quellenkorpus dar. Die Filme weisen eine große thematische Vielfalt auf und stammen von verschiedenen Produzenten, die ihrerseits Filmmaterialien ganz unterschiedlicher Herkunft verarbeiteten. Einzige verbindende Elemente sind die Verwendung in der Schule für Kinder- und Jugendliche und die Absicht sie durch das Lehrmedium zu bilden und zu erziehen.

Die zentralen, forschungsmethodischen Fragestellungen der Arbeit leiten sich zum derzeitigen Zeitpunkt aus diesem Sachverhalt heraus ab. Inwiefern entwickelten die frühen Unterrichtsfilme, ausgehend von der funktional pädagogischen Ausrichtung, einen spezifischen „Modus des Erzählens und Darstellens“ (Hickethier 1993, S.179)? Lassen sich möglicherweise bestimmte Filmtypen entwickeln?

Filme als komplexe Zeichensysteme sind aufgrund ihrer textuellen Struktur und ihrer kommunikativen Funktion polysem (Mikos 2006, S. 107, Moritz 2011). Neben der  „offensichtlichen“ Bedeutung (Denotation), die das Dargestellte beschreiben, weisen Filme, da sie mit kulturellen Codes der Gesellschaft verbunden sind, ein „Mehr“ an Bedeutung (Konnotation) auf (Mikos 2006, S. 110, Hickethier 1996, S. 116).

Auch die immer wieder als „objektiv“ und „unpolitisch“[2] bezeichneten Unterrichtsfilme vermitteln nicht ausschließlich Lehrinhalte, sondern enthalten ‚Subtexte’, die über diese hinausgehen. Bei den RWU-Filmen bildet der Kontext des Raum/Zeitgefüges der Produktion (Deutschland im 21Jh./ Nationalsozialismus) sowie der Ort und der Zielgruppe der Vorführung (Schule als Bildungs- und Erziehungsinstanz) einen Rahmen für potentielle Lesarten. Die Suche nach in den Filmen enthaltenen Spuren von NS-Ideologie stellt nur einen Aspekt dar, es widerspräche der komplexen Struktur des Lehrmediums es ausschließlich darauf zu reduzieren.

Methodik: Derzeit wird anhand des empirischen Materials erprobt, inwieweit sich hermeneutische Verfahren der Literatur- und Filmwissenschaft (komparative Film- und Gattungsanalyse) unter Rückgriff auf qualitative Methoden, insb. Verfahren der Hermeneutischen Wissenssoziologie für die Untersuchung eignen.

Transkription: Die Feldpartitur ermöglicht das Betrachten und genaue Erfassen des Einzelbilds als auch des gesamten gewählten Filmausschnitts. Grundlage der Analyse bildet zunächst die von Reichertz entwickelte HANOS-Notation (siehe Reichertz / Englert 2011, S.37), die dem Material gemäß modifiziert wird. Im Editiermodus ‚notescript’ wird das Filmmaterial hinsichtlich der Kamerahandlung (Kameraperspektive, Kameraeinstellung, mise en scène, etc.) transkribiert. Zur Erschließung der Erzählstrukturen wird neben der Montage des Films auch die Handlung vor der Kamera (der Handlungsort, die Akteure und ihre Interaktion mit Objekten und der Umwelt) untersucht (Editiermodus TXT). Verschiedene Lesarten des Films werden ebenfalls verbal umschreibend erfasst. Aus diesen „Memos“ werden im Laufe des Forschungsprozesses sukzessive Codes (‚codescript’) entwickelt, die schließlich zur Bildung von Kategorien führen. Hierfür wird in der Partitur farb-coding eingesetzt, um den Zusammenhang einzelner Zeilen hervorzuheben (Kamerahandlung – Blautöne, Handlung vor der Kamera – Gelbtöne) und die verschiedenen Kategorien auch optisch von einander abzugrenzen.

Zwischenergebnis: Im Verlauf der Filmsichtung und -transkription zeichnen sich derzeit Verdichtungen filmischer Bedeutung ab, die sich in voneinander abgrenzbare Ebenen, sogenannte ‚Subtexte’ bündeln lassen. Anhand exemplarischer Filminterpretationen einzelner Sequenzen aus den Unterrichtsfilmen wird ein Mehrebenen-Modell entwickelt, welches im folgenden Forschungsschritt als ein Werkzeug bei der Suche nach ‚Spuren von Denkweisen’ in den Unterrichtsfilmen dient.

Legende Feldpartitur

Literatur:

Endler, Cornelia A. (2006): Es war einmal…im Dritten Reich. Die Märchenfilmproduktion für den nationalsozialistischen Unterricht. Frankfurt a. M.: Peter Lang.

Ewert, Malte (1998): Die Reichsanstalt für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht (1934-1945). Schriften zur Kulturwissenschaft, Band 15, Hamburg: Kovac.

Hickethier, Knut (1993): Film- und Fernsehanalyse. Stuttgart: Metzler.

Kühn, Michael (1998): Unterrichtsfilm im Nationalsozialismus. Die Arbeit der Reichstelle für den Unterrichtsfilm/Reichsanstalt für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht.

Mammendorf/ Obb.: Septem Artes.

Meyers, Peter (2001): Der Film im Geschichtsunterricht. In: GWU (2001) 52, S. 246-259.

Mikos, Lothar (2008): Films- und Fernsehanalyse. Konstanz: UVK.

Moritz, Christine(2011): Die Feldpartitur. Transkription von Videodaten in der Qualitativen Sozialforschung. Wiesbaden: VS-Verlag.

Reichertz, Jo / Englert, Carina Jasmin ( 2011): Einführung in die qualitative Videoanalyse. Eine hermeneutisch-wissenssoziologische Fallanalyse. Qualitative Sozialforschung. Wiesbaden: VS Verlag.

Segeberg, Harro (2004) Hrsg.: Mediale Mobilmachung I. Das Dritte Reich und der Film. Mediengeschichte des Films 4, München: Wilhelm Fink, S.71- 102.

Von Keitz, Ursula (2004): Wie „Deutsche Kamerun-Bananen“ ins Klassenzimmer kommen. Pädagogik und Politik des Unterrichtsfilms. In: Segeberg, Harro (2004) Hrsg.: Mediale Mobilmachung I.  Das Dritte Reich und der Film. Mediengeschichte des Films 4, München: Wilhelm Fink, S.71- 102.

Von Keitz, Ursula (2005): Die Kinematographie in der Schule. Zur politischen Pädagogik des Unterrichtfilms von RfdU und RWU. In: Zimmermann, Peter / Hoffmann, Kay (2005) Hrsg.: Geschichte des dokumentarischen Films. Band 3,> Drittes Reich< 1933-1945. Stuttgart: Reclam, S.463-488.

Zimmermann, Peter / Hoffmann, Kay (2005) Hrsg.: Geschichte des dokumentarischen Films. Band 3,> Drittes Reich< 1933-1945. Stuttgart: Reclam.

 

[1] Zwischen 1934-1939 hieß die Institution Reichstelle für den Unterrichtsfilm (RfdU). Die ab 1940 eingeführt Abkürzung, die heute noch geläufig ist, wird im Folgenden zur Vereinheitlichung verwendet.

[2] Während der Entnazifizierung achtete die UNESCO vorrangig auf NS-Symbole und Vokabular und sprach die Mehrzahl der Unterrichtsfilme frei ( Kühn 1998, S. 241).

 

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